10. Juli 2018
Interview mit Urs Stromer, Gründungs-­ und Vorstandsmitglied von Swiss Healthcare Startups (SHS) und Präsident der Interessensgemeinschaft eHealth (IG eHealth)

Fokus: E-Health im Gespräch

Die Digitalisierung und Nutzung von Daten macht bekanntlich auch nicht vor der Medizin Halt. Neuartige, digital unterstützte Diagnostik­ und Therapiemethoden als auch Technologien zur Beobachtung der eigenen Gesundheit erobern zunehmend den Markt. Mit diesen neuen «E-­Health»­Angeboten einher gehen regulatorische Herausforderungen, allem voran die Frage nach dem sicheren Umgang mit  den besonders schützenswerten Gesundheitsdaten.

Die Redaktion von LES­-Newsletter hatte Gelegenheit, mit Herrn Urs Stromer, E-Health-Experte der ersten Stunde, zu diesen Herausforderungen ein Interview zu führen. Neben seiner Beratungstätigkeit im Bereich E-­Health ist Urs Stromer Gründungs-­ und Vorstandsmitglied von Swiss Healthcare Startups (SHS) und Präsident der Interessensgemeinschaft eHealth (IG eHealth). SHS ist ein gemeinnütziger Verein, der die Unterstützung junger Unternehmen im Bereich neuer, digitalisierter Gesundheitsdienstleistungen bezweckt. Die IG eHealth vertritt die Interessen der Informations- und Kommunikationstechnologie Industrie.

LES-Newsletter: Vielen Dank Herr Stromer, für dieses Gespräch. Vorweg: Wo liegen derzeit die Trends im E-Health Bereich?

Stromer: Zurzeit sind drei Trends erkennbar, die das Gesundheitssysteme nachhaltig verändern werden:

• Plattformen:

Apple, Google aber auch staatliche
E­-Patientendossier­-Plattformen drängen die Healthcare Industrie zur Interoperabilität. Grosse Plattformen, aber auch vom Regulator getriebe-ne Initiativen verlangen interoperable Systeme, damit medizinische Daten entlang des Behandlungsprozesses ausgetauscht werden können. Hierbei drängen privatwirtschaftliche Plattformen aus dem Präventionsmarkt (Markt für Gesundheit) immer mehr in die Domänen der Gesundheitsversorgung (Markt für Krankheit) ein. Deren «Plattformmacht» führt de facto zu einer Standardisierung, wogegen der Regulator zunehmend internationale Standards empfiehlt oder so-gar mittels Gesetzen den zwingenden Austausch von medizinischen Daten die Standardisierung einfordert (in der Schweiz das EPDG; Österreich die ELGA).

• Miniaturisierung & Quantified Self:

Die Miniaturisierung von Sensoren wird die medizinische Diagnostik – weg von zentralen Labor, hin zum mobilen, portablen Labor beim Patienten – auf den Kopf stellen. Bis anhin war der Arzt der «Verordner» von Laboruntersuchungen. Früher wurde die Diagnostik aufgrund der hohen Kosten nur selten eingesetzt. In früherer Zeit war der Hausarzt gehalten, seine Patienten ohne grossen diagnostischen Hilfsmittel, also nur mit seinen Händen, Ohren, Geruchssinn und Empathie, zu kurieren. Mit der zunehmenden Verfügbarkeit von schnellen diagnostischen Tests, aber auch we-gen der zunehmend komplexen Krankheitsbilder der stets alternden Patientenpopulation, sichern sich heute Ärzte vermehrt mit diagnostischen Labortests ab. Dies hat zwei Effekte: Zum einen steigen die Kosten für Labor und bildgebende Diagnostik, zum anderen werden aufgrund der empfindlichen Tests vermehrt Nebenbefunde erkannt. Beides kann zu einer Kostenausweitung führen, in einigen Fällen auch zu einer Überbehandlung des Patienten. Die Miniaturisierung der Sensoren führt zu einem ganz neuen Trend: Quantified Self. Zukünftige medizinische Diagnosetools werden sich in Mobiltelefonen, Wearables oder auch in Implantate einbauen lassen, die den Gesundheitszustand permanent messen können. Das, was früher der Arzt mit seinen Sinnen wahrgenommen hat (Gesichtsausdruck, Blässe, Schweiss, Körperhaltung, unregelmässiger Gang), erfassen heute schon die Bewegungssensoren oder Kameras unserer Handys. Dies führt dazu, dass der Patient zukünftig besser über seinen Gesundheitszustand informiert sein wird als der behandelnde Arzt.

• Internet of Things und Artifical Intelligence:

Technologien wie Internet of Things (IoT) und Künstliche Intelligenz (KI oder AI) ergänzen die Diagnostik. IoT führt dazu, dass eine Vielzahl von Messwerten – auch über Umweltinformationen –Krankheitsbilder aufgrund der grossen Mengen ergänzender Daten besser erklären lassen. Re­mote Monitoring von Patienten wird beispiels-weise dazu führen, dass diese weniger oft den Arzt aufsuchen müssen. Die KI ist heute schon in der Lage, spezifische diagnostische Bilder auf Anomalien schneller und besser zu screenen, als der Radiologe oder Pathologe. Spezifische digitale Diagnosedienstleistungen sind schon heute Realität.

All diese Trends werden zu einer Umkehr des «Informationsgefälles» führen. Bis dato führte das Wissensgefälle zwischen dem Arzt und seinem Patient zu einer Abhängigkeit; der Patient musste dem Arzt blind vertrauen. In Zukunft wird sich der Patient selber «vermessen». Mit viel Daten und Informationen über seinen Gesundheitszustand wird der Patient zukünftig zur Arztvisite gehen und die Diagnose des Arztes auf den Prüfstand stellen.  Der Beruf des Arztes wird sich dadurch in den nächsten 10 Jahren stark verändern.

LES-Newsletter: In welchem dieser drei Trends darf man in naher Zukunft am Ehesten Durchbrüche erwarten?

Stromer: Ich erwarte nicht von einzelnen Bereichen Durchbrüche. Vielmehr ist es für mich die Kombination von Entwicklungen, die zu einer Systemveränderung führen werden. Eine Technologie oder ein Trend reicht hier nicht aus. Wie auch in anderen sozialen Bereichen unserer Gesellschaft ist es aber sicher der bequeme Zugang zu IT­-Plattformen, der zu einem Wandel führen wird. Erst mit der Verfügbarkeit von Daten und mit den Plattformen verbundene Sensoren und KI-Dienste werden sich Systemverlagerungen ergeben. Es reicht nicht aus, nur kleine, günstige Sensoren zu haben. Diese müssen mit Plattformen kommunizieren. Diese Daten müssen gesammelt werden, damit KI-Systeme daraus lernen können und so signifikante Veränderungen geschaffen werden.

LES-Newsletter: Welche E-Health Lösungen haben sich bereits durchgesetzt?

Stromer: E-­Health ist ein weiter Begriff und es gibt E-Health nicht erst seit gestern. Unter E-Health fallen alle den Behandlungsprozess unterstützende ICT-Lösungen. Diese sind bereits heute weit verbreitet. Vermehrt werden Cloud Anwendungen in kleineren Kliniken und Arztpraxen eingesetzt. Es sind aber auch die klassischen Praxis Informatik Systeme zum E­-Health zu zählen, auch wenn es diese schon seit 10–20 Jahren gibt.

LES-Newsletter: Abgesehen vom elektronischen Patientendossier, welche Entwicklung im E-Health Bereich wer-den die Patienten ebenfalls positiv zu spüren bekommen?

Stromer: Das Patientendossier wird sich aufgrund der starken gesetzlichen Regulierung langsamer entwickeln als der freie Markt. Die Patienten werden privatwirtschaftliche Angebote schneller adaptieren. Das E-Patientendossier wird vor allem in der Anbindung der Leistungserbringer zu diesen privaten Angeboten eine Rolle spielen. Ich sehe Apple mit seinem Health Kit als einen der starken Player, der im Markt patientenseitig eine tragende Rolle einnehmen kann. Health Kit wird es dem Apple Kunden einfach machen, seine wesentlichen Gesundheitsdaten auf seinen Devices immer dabei zu haben, laufend neue Daten zu generieren und mit anderen auszutauschen. Google wird mit seinem KI­-Wissen und der grossen Erfahrung im Big Data Management in den nächsten Jahren ebenfalls seine Rolle finden. Bis dahin werden kleinere innovative Unternehmen intelligente, punktuelle Lösungen im Markt erproben und in Nischen Lösungen anbieten.

LES-Newsletter: Stichwort Kosten – Sind E-Health-Lösungen wirklich kostensparend?

Stromer: Ja, definitiv. Die Frage, die sich hier aber stellt ist: Sind die Vergütungsanreize auch so gesetzt, dass sich die Kosteneinsparungen realisieren lassen? So lange ein Arzt gleich viel Geld pro Zeit erhält, ob er nun mit Papier oder mit Computer arbeitet, wird sich das Papier weiterhin durchsetzen. Beim Papier zu bleiben ist für den Arzt günstig und bequem. Auf Papier erfasste Daten lassen sich aber nur mit Aufwand teilen; Papierberichte müssen zudem teuer im Spital digitalisiert werden. Beim Spital sieht das mit den DRGs jedoch seit einigen Jahren etwas anders aus. Das Papier ist im Spital zu teuer geworden, da das Spital nun selber Gewinn erwirtschaften darf resp. für seine Verluste geradestehen muss. Folglich sind Spitäler ebenfalls an einer betriebswirtschaftlichen Prozessoptimierung und schlanken Betriebsdatenerfassung interessiert. Daher investieren Spitäler auch in ICT und E­-Health, weil sie ihre Auf-gaben mit Papier nicht mehr kosteneffizient bewältigen können. So lange aber der Regulator mehrere  Finanzierungsregime (Ambulant, Stationär, Pflege) aufrecht erhält, die in sich geschlossen sind und behandlungsprozessübergreifend ökonomisches Verhalten nicht fördern, wird sich nichts ändern. Das Potential von E-Health als horizontale Datenintegration wird erst dann funktionieren, wenn die Kosten über die gesamte Behandlung von der Prävention bis ins Pflegeheim betrachtet werden.

LES-Newsletter: Sie nennen das Stichwort Regulierung – Ist die Schweiz denn ein geeigneter Standort für Innovation im E-Health Bereich?

Stromer: Ja und Nein. Die Schweiz ist mit dem föderalen Gesundheitssystem spannend für Innovation, weil diese kleinräumig und pragmatisch entstehen und implementiert werden kann. Unser Land kann aufgrund der Mehrsprachigkeit und den föderalen Strukturen unter Umständen auch als Modell für Europa dienen. So kann das Verhältnis zwischen Bund und Kantonen hinsichtlich der Regulierung wie ein kleines Europa betrachtet werden. Löst man E-­Health für 26 Kanton mit 26 Gesundheitsgesetzten, kann das auch für die EU mit 27 Staaten funktionieren. Leider hat die regulatorische Fragmentierung der föderalen Schweiz auch einen erheblichen Nachteil. Die Demokratie ist langsam; Gesetzesänderungen brauchen bekanntlich viel Zeit. Im Weiteren ist der Markt zu klein für Plattformen. Er ist aber auch zu klein, um mit E­-Health­-Lösungen für wenig häufige Krankheiten auf hinreichend hohe Patientenzahlen zu kommen, so dass der Skaleneffekt einen ökonomisch sinnvollen Business Case ermöglicht. Das führt dazu, dass Digitalisierungsvorhaben in der Schweiz nur schwer die finanzielle Unterstützung finden.

LES-Newsletter: Zum Datenschutz – Wie kann E-Health den strengen datenschutzrechtlichen Anforderungen an den Umgang mit Gesundheitsdaten gerecht werden?

Stromer: Patienten werden sehr genau hinschauen, was mit ihren Gesundheitsdaten geschieht. Es liegt im eigenen Interesse der ICT­ und der Gesundheitsindustrie, sorgfältig mit den Daten umzugehen. Ist das Vertrauen in eine Institution oder Dienstleistung verspielt, werden die Kunden auf andere Lösungen ausweichen. Das E-Patientendossier ist in der Schweiz freiwillig. Erweist es sich als unsicher, werden die Patienten keines anlegen wollen. Der Staat und die Industrie werden deshalb alles dar-an setzen, maximalen Datenschutz und maximale Datensicherheit zu gewährleisten, damit die Akzeptanz gewahrt bleibt. Dies gilt nicht nur für das Patientendossier, sondern generell für E-­Health Anwendungen.

LES-Newsletter: Ihre persönliche Meinung – Welche konkrete Entwicklung im E-Health Bereich hat bis dato den grössten medizinischen Nutzen?

Stromer: IoT wird den Nutzen von E­-Health erst möglich machen. Das heutige Gesundheitswesen hat ein Betriebsdatenerfassungsproblem. Wenn ich schaue, wieviel Pfleger heute noch in Spitälern Blutdruckmessgeräten von Zimmer zu Zimmer rollen; Puls, Sauerstoffsättigung und Blutdruck auf Zettel notieren oder zeitaufwändig Patienten und Betten suchen, wird IoT hier Abhilfe schaffen. Eigentlich ist elektronische Betriebsdatenerfassung kein neu-es Thema, sondern in anderen Industrie- und Logistikbetrieben längst bekannt. So meldet etwa der Elektroschrauber das Drehmoment der angezogenen Schraube über Funk an die IT-­Systeme, so dass alle Qualitätsparameter zum Werkstück automatisch geprüft werden können. Immerhin punktuell hat das Thema elektronische Betriebsdatenerfassung auch bereits im Gesundheitsbereich Einzug gehalten. So werden heute im modernen Operationssaal bereits Messwerte von Staplern (automatisiertes Werkzeug zum schliessen von Wunden) digital gemessen und ausgewertet. Die Diagnostik am Patientenbett und später zu Hause wird über IoT gekoppelt mit KI ganz neue Versorgungs-­ und Monitoringmöglichkeiten anbieten.

LES-Newsletter: Sie sind Gründungs- und Vorstandsmitglied von Swiss Healthcare Startups (SHS). Wie unterstützt der Verein E-Health Startup-Unternehmen konkret?

Stromer: Der Verein SHS bietet den Medizinstartups mit Digitalisierungsvorhaben ein breites Netzwerk mit Zugang zu Fachwissen, Experten und potentiellen Kunden an. Der Vorstand setzt sich aus Unternehmern und Experten aus den Domänen Medizin, Kommunikation, ICT und Recht zusammen. Startups können ihre Business Idee von SHS-Experten kritisch durchleuchten lassen, oder ihre Idee bei den Industrievertretern von SHS präsentieren. Mit unseren Networking-­Events bringen wir Industrie und Startups zusammen und bieten beiden Seiten einen interessanten Marktplatz, um Ideen und Erfahrungen auszutauschen, aber auch neue Partner, mögliche Investoren oder Kunden zu finden. Unterstützt werden diese Aktivitäten durch eine kontinuierlich aktualisierte E-Health Startup Landkarte, welche die in der Schweiz aktiven E-Health Startups kartiert und beschreibt.