8. septembre 2017

Boom der Schweizer Bio-Tech- und Chemie-Branche

Nicht nur die Bio-Tech Start-Up und Investitions- Szene zeichnet 2017 viele Erfolge, auch alt eingesessene Chemie-Unternehmen wagen sich in Richtung neuer Ufer.
Inthera Bioscience erhält eine saftige Geldspritze
Das Start-Up Inthera Bioscience sicherte sich im Juni 2017 nach einer erfolgreichen Finanzierungsrunde (der Serie A) eine saftige Geldspritze in der Höhe von CHF 10.5 Mio. Unter den Investoren finden sich Merck Ventures, Aglaia Biomedical Ventures und Novo Seeds (Inthera Bioscience Raises CHF 10.5 Million in Series A Financing Round, http:// www.startupticker.ch/en/news/may-2017/inthera-bioscience-raises-chf-10-5-million-in-series-a-financing-round, 02.06.2017). Das Geld dient dazu, die vorklinischen Studien im Rahmen des Hauptproduktes des Start-Up zur Bekämpfung von (HPV-induzierten) Krebsarten abzuschliessen und dessen Betrieb zu erweitern (Startupticker). Dabei soll eine neue Therapieklasse von niedermolekularen Wirkstoffen zur Behandlung von festen Tumoren entwickelt werden. Je ein Mitglied von Novo Seeds (Emmanuelle Coutanceau) und Merck Ventures (Keno Gutierrez) erweitern den Verwaltungsrat von Inthera Bioscience (Salvisberg-Schneider Dania/Tarolli Schmidt Nadia/WyssChristian, https://www.vischer.com/dienstleistungen/deals/?tx_x4eprofessionals_dealslist%5Bdeal%5D=1208&tx_x4eprofessionals_ dealslist%5BbackUrl%5D=%2Fhome%2F&cHash=0c500d45549665de569793b8815b69dc).
Inthera Bioscience wurde 2013 gegründet. Die proprietäre Plattform von Inthera Bioscience identifiziert und modifiziert niedermolekulare, oral zu verabreichende Moleküle beliebig (basierend auf einer Oxopiperazin-Grundstruktur), dadurch können die Protein-Protein-Interaktionen (PPI) innerhalb von Zellen beeinflusst werden (Startupticker; Salvisberg-Schneider/Tarolli/Wyss).
Novartis, EIF und Verily (Alphabet) investieren in Biotech-Fonds von Medicxi
Medicxi gehörte bis 2016 Index Ventures und wurde letztes Jahr abgespalten. Seitdem ist sie eine treibende Kraft im Bio-Tech-Sektor Europas. Medicxi ist eine Life-Science-Investmentgesellschaft. Mit ihrem ersten Fonds tätigte sie v.a. Frühphaseninvestitionen in Bio-Tech (z.B. Molecular Partners oder Obseva). Der neue Fonds MG1 – mit einem Wert von USD 3 Millionen – soll eine Lücke im europäischen Markt füllen und primär Investitionen in Unternehmen tätigen, die Phase II-Präparate entwickeln (Griesdorf Michael, Schweizer Biotech lockt Alphabet und Novartis, https://www.fuw.ch/article/schweizer-bio tech-lockt-alphabet-und-novartis/, 20.06.2017).
Bisher war es in der Schweiz und Europa schwierig, Finanzierungen für solche Produkte zu finden, weshalb die Unternehmen dann verkauft wurden oder (oft unter Wert) an die US-amerikanische Börse gingen (Taylor Nick Paul, Novartis, Verily back $300M Medicxi biotech growth fund, http://www.fiercebiotech.com/biotech/novartis-verily-back-300m-medicxi-biotech-growth-fund, 15.06.2017). Novartis, European Investment Fund (EIF) sowie Verily (eine Alphabet-Gesellschaft, die zur Life Sciences-Abteilung von Google gehört) sind drei der tragenden strategischen Partner dieses Fonds. Novartis erhofft sich «Zugang zu Erkenntnissen zu Arzneimitteln in der späteren Phase», wobei den Investoren keine Prioritätsrechte eingeräumt wurden (Griesdorf). Die öffentlich-rechtliche Partnerschaft mit EIF zielt darauf ab, dass der Fonds mehrheitlich in Europa investiert (Taylor). Verily hat investiert, um u.a. Erfahrungen in Big Data Analytics zu sammeln und das Gesundheitsweisen zu revolutionieren. Novartis und Verily stellen je ein Mitglied für den wissenschaftlichen Beirat von MG1 (Crow David, Alphabet life sciences arm to invest in EU drug development, https://www.ft.com/content/ a7d73bc0-5113-11e7-a1f2-db19572361bb, 15.06.2017).
Schweiz als wichtiger Biotech-Produktionsstandort globaler Unternehmen

Die Schweiz gilt als einer der führenden Innovations- und Investitionsstandorte im Bio-Tech-Sektor. So zeichnet sich die Schweiz durch «qualifizierte Mitarbeiter, ein ausgezeichnetes Bildungssystem
und ihr günstiges Wirtschaftsumfeld» aus. Darüber hinaus ist die Börse SIX Swiss Exchange einer der wichtigsten Life-Sciences-Börsenplätze weltweit (CHEManager 10/2016, S. 8, https://www.u-nica. com/fileadmin/user_upload/Downloads/08-09_ CM1016.pdf).
Diese Standortvorteile der Schweiz erkennen auch Merck und Biogen. So investiert Merck weiter in den Biotech-Produktionsstandort Schweiz. Im Juni hat Merck ein neues Verpackungsgebäude in Aubonne eröffnet. Dadurch werden die Kapazitäten von Merck erweitert und aktuelle und zukünftige Portfolios für Biotech-Medikamente unterstützt. Für Merck ist die Schweiz der wichtigste «Standort zur Herstellung biopharmazeutischer Medikamente für Patienten auf der ganzen Welt» (PRNewswire, Merck erweitert Kapazitäten am Schweizer Biotech-Produktionsstandort Aubonne, http:// www.prnewswire.com/news-releases/merck-erweitert-kapazitaten-am-schweizer-biotech-produktionsstandort-aubonne-631502243.html, 29.06.2017). Im neuen Verpackungsgebäude können aufgrund von Prozessoptimierungen, Vollautomatikbetrieb und Robotisierung der Logistik jährlich über 12 Millionen Arzneimittelpackungen verteilt werden. Somit sei die Schweiz auch für das Wachstum ihres Gesundheitswesensgeschäfts und die Einführung neuer Arzneimittel äusserst bedeutsam (PRNewswire).
Auch Biogen begann 2016 mit dem Bau einer neuen Produktionsanlage im Kanton Solothurn im Wert von einer Milliarde Schweizer Franken. Der Bau soll Ende 2018 abgeschlossen sein. Dann sollen 400 neue Mitarbeiter in dieser Stätte tätig sein (Medienmitteilung Biogen, http://biogen-solothurn.ch/ aktuell/meilenstein-fuer-das-milliardenprojekt-erster-produktions-fermenter-luterbach-eingetroffen/, 13.04.2017).
ChemChina: Klage auf Kraftloserklärung der restlichen Aktien
Nachdem der chinesische Staatskonzern ChemChina über die vergangenen Monate verteilt mehr als 98% der Syngenta-Aktien erworben hatte, reichte der Konzern beim Appellationsgericht Basel-Stadt eine Klage auf Kraftloserklärung der verbliebenen, nicht von ChemChina oder der ihr verbundenen Unternehmen gehaltenen Aktien, ein. Im gleichen Zug wurde ein Gesuch um Dekotierung ihrer Aktien von der SIX Swiss Exchange eingereicht. Die Dekotierung soll nach Abschluss des Gerichtsverfahrens wirksam werden. Die Aktionäre werden im Rahmen der Kraftloserklärung mit USD 465 pro Aktie entschädigt (ChemChina participation in Syngenta exceeds 98 percent threshold, https://www4. syngenta.com/media/media-releases/yr-2017/13-07- 2017, 13.07.2017).
Damit steht die rund USD 43 Milliarden schwere Übernahme des Schweizer Agrarchemiekonzerns kurz vor ihrem Abschluss. Die notwendigen Freigaben erteilten sowohl die europäische als auch die amerikanische Wettbewerbsbehörde bereits im ersten Quartal 2017 unter Auflagen (Fusion von Syngenta und ChemChina; Wettbewerbsbehörden geben grünes Licht, http://www.wiwo.de/unternehmen/industrie/fusion-von-syngenta-und-chemchina-wettbewerbsbehoerden-geben-gruenes-licht/ 19615838.html, 05.04.2017).

Fusion von DuPont und Dow Chemical abgeschlossen
Die Chemiekonzerne DuPont und Dow Chemical verkündeten anfangs August, dass sie alle für ihren Zusammenschluss benötigten regulatorischen Freigaben erhalten hätten und alle Bedingungen für den Abschluss der Fusion erfüllt wären. Die Fusion ist seit dem 31. August 2017 abgeschlossen (DuPont and Dow Set Closing Date for Merger of Equals, http://investors.dupont.com/investor-relations/ investor-news/investor-news-details/2017/DuPont-and-Dow-Set-Closing-Date-for-Merger-of-Equals/ default.aspx, 08.04.2017).
Die Konzerne veröffentlichten ihre Fusionspläne bereits im Jahr 2015. Mit einem Volumen von USD 130 Milliarden handelt es sich vorliegend um die grösste Fusion in der Geschichte der Branche (Chemie-Großfusion nimmt wichtige Hürde, http://www.faz. net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/dow-chemical-und-dupont-chemie-grossfusion-nimmt-wichtige-huerde-15063173.html, 16.06.2017).
Nachdem die europäische Wettbewerbskommission die Fusion unter Auflagen bewilligte, tat es ihr die amerikanische Behörde im Juni dieses Jahres gleich (TrefisTeam, Revisiting Dow-DuPont Merger Motivation As Companies Win U.S. Anti-Trust Approval, https://www.forbes.com/sites/ greatspeculations/2017/06/23/revisiting-dow-dupont-merger-motivation-as-companies-win-u-s-anti-trust-approval/#77fc65906355, 23.06.2017).
Die neuen Papiere des Konzerns werden seit dem 1. September an der New York Stock Exchange (NYSE) gehandelt (DuPont).

EU Kommission prüft Bayer Monsanto Fusion
Die EU Kommission will die von Bayer geplante Übernahme von Monsanto vertieft prüfen. Sie ist darum besorgt, dass der Zusammenschluss der beiden Agrarkonzerne den Wettbewerb in einigen Geschäftszweigen schwächen könnte. Neben der Genehmigung der EU Kommission dürfte die Genehmigung der amerikanischen Kartellbehörde die zweite grosse Hürde auf dem Weg zur Übernahme bilden (Brüssel knöpft sich Bayer-Monsanto-Deal vor, http://www.manager-magazin.de/unternehmen/ banken/bayer-und-monsanto-eu-kommission-nimmt-uebernahme-unter-lupe-a-1164068.html, 23.08.2017).
Mit einem Kaufpreis von rund USD 66 Milliarden handelt es sich um den grössten Zukauf, der ein deutsches Unternehmen je lanciert hat. Der Agrarkonzern Monsanto kommt im Saatgutgeschäft weltweit auf einen Marktanteil von rund 26%. Für den deutschen Pharmakonzern hätte eine Übernahme zur Folge, dass das Geschäft mit den Medikamenten nur noch gut die Hälfte des Umsatzes ausmachen würde (Bayer muss Teil von Saatgut- und Pflanzenschutz-Sparte verkaufen, https://www.nzz.ch/ wirtschaft/monsanto-uebernahme-bayer-muss-teil-von-saatgut-und-pflanzenschutz-sparte-verkaufen-ld.1291430, 08.05.2017).
Aus Wettbewerbsgründen musste Bayer bereits einen Teil ihres Saatgut- und Pflanzenschutz-Geschäfts verkaufen. Dies aufgrund einer Auflage der südafrikanischen Wettbewerbsbehörde. Bayer und Monsanto erhoffen sich derweil, bis zum Jahresende alle notwendigen Freigaben aller Wettbewerbsbehörden zu erhalten (NZZ).
LANXESS übernimmt Chemtura
Der Kölner Spezialchemie-Konzern LANXESS hat die Übernahme des US-amerikanischen Unternehmens Chemtura im April dieses Jahrs erfolgreich abgeschlossen. Die Aktionäre des weltweit führenden Anbieters für Flammschutz- und Schmierstoffadditiven haben der Transaktion bereits im Februar zugestimmt. Mit einem Unternehmenswert von 2.4 Milliarden Euro handelt es sich um den grössten Zukauf in der Geschichte des Konzerns. LANXESS erwartet, dass durch die Transaktion Synergie-Effekte in der Höhe von rund 100 Millionen Euro pro Jahr anfallen. Diese sollen bis zum Jahr 2020 realisiert werden (LANXESS schliesst Übernahme von Chemtura erfolgreich ab, https://lanxess.de/de/corporate/presse/ presseinformationen/2017-00035/, 21.04.2017).
Im Nachgang der Akquisition folgte eine Restrukturierung des Konzerns. Fortan gehören die zwei Geschäftszweige «Rubber Additives Business» (RAB) und «Colorant Additives Business» (CAB) zum Geschäftsbereich «Rhein Chemie». Dadurch soll unter anderem eine stärkere Kundenorientierung ermöglicht werden (Mary Page Bailey, LANXESS restructures following Chemtura Acquisition, http://www.chemengonline.com/lanxess-restructures-following-chemtura-acquisition/, 03.07.2017).
Der Konzern rechnet damit, bereits in diesem Jahr ein Rekordergebnis zu erzielen. Diese Erwartungen sind primär auf die neue Akquisition, aber auch auf gestiegene Umsätze und erhöhte Preise zurückzuführen (LANXESS continues to expect record earnings for 2017 following strong second quarter, https://lanxess.com/en/corporate/media/press-releases/2017-00070e/, 10.08.2017).
Clariant und Huntsman – «Fusion unter Gleichen»
Clariant und Huntsman – das neue Unternehmen soll HunstmanClariant heissen – wollen bis Ende Jahr fusionieren und damit einen Umsatz von rund USD 13.2 Milliarden generieren (Tagesanzeiger, Jobs, Hauptsitz, Manager – der Clariant-Deal und die Schweiz, https://www.tagesanzeiger.ch/ wirtschaft/unternehmen-und-konjunktur/chemiekonzern-clariant-fusioniert-mit-usfirma-huntsman/ story/19040269, 22.05.2017). Die Fusion soll dank Synergieeffekten Einsparungen in der Höhe von über 400 Millionen Dollar jährlich ermöglichen, mehr Wachstum in den USA und China generieren und Innovation fördern (Tagesanzeiger). Der Fokus von HuntsmanClariant liegt zukünftig auf wachstumsstarken Geschäften, Downstream-Aktivitäten, einem komplementären Produkteportfolio und einer grösseren Reichweite (Schmutz Christoph G., Der Clariant-Chef auf Werbetour, https://www.nzz.ch/ wirtschaft/fusion-huntsman-clariant-hariolf-kottmann-ruehrt-die-werbetrommel-ld.1308046, 22.07.2017).
Der Hauptsitz soll in der Schweiz sein und die operativen Tätigkeiten soll Peter R. Huntsman (CEO von Huntsman) aus den USA leiten. Hariolf Kottmann (CEO von Clariant) soll der VR-Präsident des gemeinsamen Unternehmens werden (Zulauf Daniel, Basler Chemie wagt heikles Experiment, http://www.luzernerzeitung.ch/nachrichten/wirt schaft/basler-chemie-wagt-heikles-experiment; art9642,1034571, 23.05.2017).

Noch fehlt die Zustimmung der Aktionäre und der Wettbewerbsbehörden. Bei der Bekanntgabe versicherten beide Unternehmen, dass die Familie Huntsman sowie gewichtige Aktionäre von Clariant (eine bayerische Familie sowie der Hedgefonds Atlantic Investment Management) hinter dieser Fusion stünden (Zulauf). Ein in Clariant investierter Hedgefonds White Tale Holding, der knapp 10% der Clariant-Aktien hält, versucht allerdings die Fusion zu stoppen (NZZ, https://www.nzz.ch/wirtschaft/uebernahmekampf-fusion-zwischen-clariant-und-huntsman-wird-von-einem-aktivistischen-investor-torpediert-ld.1304218, 04.07.2017).